Als ich 1989 vom Journalismus in die Öffentlichkeitsarbeit wechselte, hatte ich einen netten Chef, der alle von mir geschriebenen Presseinformationen radikal redigierte. Als Direktor Öffentlichkeitsarbeit hatte er das Privileg, mit einem Kugelschreiber mit grüner Tinte zu schreiben – und irgendwie erinnerten die Texte bei Rückgabe eher an die Zeichnung eines Laubbaums im Hochsommer, soviele güne Anmerkungen fanden sich auf den Seiten.

Gut, ich war neu und hatte bis dahin nur für die Zeitungen geschrieben, also setzte ich mich hin und übernahm die Korrekturen. Den dann neuen Text übergab ich ihm in der Hoffnung, dass nun seine Freigabe komme. Doch wieder gab es den Text mit zahlreichen Streichungen, Verschiebungen und neuen Absätzen zurück. Dieser Vorgang, den ich als zunehmend ehrverletzend empfand, wiederholte sich bis zu zehnmal.

Er korrigierte seine eigenen Änderungen immer wieder aufs Neue. Ein Perfektionist halt – oder vielleicht doch nicht? Schließlich hatte er mich eingestellt, weil ich eine gute Pressemitteilung in nur 10 Minuten runterrattern konnte – so etwas hatte er noch nicht gesehen. Doch warum diese Korrekturorgie? Wollte er mir zeigen, dass er der Chef ist und ich nur der kleine Mitarbeiter? Hmm, ich musste einen Versuch wagen – einen dreisten Versuch, aber wenn er gelänge, dann würde er alles ändern.

Also legte ich ihm nach der zehnten Korrektur eines Textes meine allererste Fassung vor. Ich musste mir das Grinsen verkneifen, als er die Seiten entgegennahm. Jovial beschied er mir zu warten, zückte seinen grün schreibenden Kugelschreiber und ich machte mich auf ein Donnerwetter gefasst…

Doch dann geschah ein kleines Wunder.

Er las und las und der Kugelschreiber tippte nur mal wie zufällig aufs Blatt. Als er fertig war, schaute er auf und sagte: „Sehen Sie, es geht doch. Jetzt ist der Text perfekt!“. Etwas verdattert (wie man im Norden sagt) nahm ich die Pressemitteilung entgegen und musste mich in meinem Büro erst etwas sammeln, bevor ich mit dem Original, welches durchkorrigiert worden war und der „letzten Version“ wieder bei ihm in der Tür stand. Wir müssen da mal etwas besprechen, hob ich an und erklärte ihm, was gerade geschehen war.

Das saß.

Er entschuldigte sich wortreich, erklärte sich als selbst unsicher beim Schreiben und versprach, nie wieder meine Texte zu korrigieren. Er habe diese Schwäche und selbst seine Frau müsse darunter leiden. Ab sofort hätte ich freie Hand bei der Redaktion von Pressemitteilungen.Und so war es auch, er hat nie wieder einen Text von mir korrigiert.

Das Schreiben von Presseinformationen ist ein Handwerk, in dem bestimmte Regeln gelten. (Foto: Markus Burgdorf/Avandy GmbH)

Das Schreiben von Presseinformationen ist ein Handwerk, in dem bestimmte Regeln gelten. (Foto: Markus Burgdorf/Avandy GmbH)

Fast 30 Jahre später schreibe ich eine „super-eilige“ Presseinformation für einen neuen Kunden. Innerhalb weniger Stunden nach der Sitzung beim Kunden geht die Presseinfo zur Abstimmung in der deutschsprachigen Version raus. Es sollte ja schnell gehen. Doch dann passiert es: Nach einer schon fast überschwänglichen Lobeshymne geht der Text, inzwischen ins Englische übersetzt, in die betriebsinterne Abstimmung. Und nun passiert das, was ich schon vor dreißig Jahren erlebte. Jeder Mitarbeiter, der mitreden darf, redet auch mit. Schreibt Kommentare, Ergänzungen und Anregungen. Und so verwandelt sich der Text innerhalb einer Woche in eine nichtssagende allgemeine Zusammenfassung der Geschäftsaktivitäten und Produkte des Kunden. Ich traue meinen Augen nicht. Die Kernbotschaft ist zwar noch da, aber so verwässert, dass der Leser hinterher diese kaum noch erinnern wird. Dafür hat man alles in den Text gepackt, was ging.

Nach zwei Wochen landet der englische Text wieder auf meinem Schreibtisch. Ich werde gebeten, den deutschen Text entsprechend anzupassen. Sie werden es erraten, vor mir liegt mein eigener Text – der inzwischen sogar so abgenommen wurde. Hat nur zwei Wochen Zeit gekostet und zahlreiche Stunden vergebliche und unnütze Arbeit auf den verschiedenen Ebenen verursacht. Die Geschwindigkeit war dahin, aber es war eine Erfahrung, die nun in meinem PR-Konzept für diesen Kunden einfliessen wird.

Denn Geschwindigkeit kann in der Öffentlichkeitasarbeit sehr wichtig sein.